Die Maßanfertigungen


Von Marita Krauss


Schneider, Schuhmacher, Hutmacher und Korsettmacher waren und sind diskrete Vertraute ihrer Kundinnen und Kunden. Früher war es selbstverständlich, dass für Mitglieder der besseren Gesellschaft nur Maßanfertigungen in Frage kamen. Und die Spezialisten der Ausstattung wussten genau, wo ein Makel zu verstecken, eine Taille enger zu schnüren, eine Schulter zu wattieren waren und welche Hutform Frau X überhaupt nicht tragen konnte. Zum Spaziergang in die Stadt brauchte die Dame nicht nur ein elegantes Tageskleid mit dazu passendem Mantel und Schuhen oder der Herr einen maßgeschneiderten Anzug. Keine Dame ging „darunter“ ohne Korsett und perfekte Wäsche, „darüber“ ohne Hut und die auf die Garderobe abgestimmten Handschuhe auf die Straße, kein Herr ohne Hut, Weste, und all das Zubehör wie Monokel, Taschenuhr an der Kette, perfekt gebundene Schleife oder später Krawatte mit Nadel und ähnlich schönen Luxus. Ein Tageskleid oder ein Schuh aus Leder waren unmöglich abends zu tragen und bei einem Abendessen sahen Kleid, Schuhe und Schmuck anders aus als bei einem Ball. Wenn man in die Bäder oder an die See verreiste, war das perfekt zusammenpassende Gepäck aus feinstem Leder Ausweis des Wohlstandes. Auch dieses Gepäck wurde daher nach Maß gemacht: 1900 und 1904 erhielten in Bayern die ersten Geschäfte den Hoflieferanten-Titel verliehen, die dezidiert Reisegepäck als Teil ihres Angebots aufführten. Mancher Sattler fing mit edlem Pferdegeschirr und Sätteln an, erweiterte dann aber bald das Sortiment um Koffer für Schiffs-, Bahn- und Autoreisen, alles in handwerklicher Ausfertigung. All dieser Luxus der Wohlhabenden wurde in Handarbeit in vielen hunderten von Stunden individuell angefertigt. Viele kunstvolle Details mussten auch nach dem Siegeszug der Nähmaschine weiterhin Stich für Stich von Näherinnen gefertigt werden – mit rund 50 Stichen in der Minute, wie entsprechende Statistiken belegten. Schneider und Schneiderinnen gab es daher viele, aber nur wenige brachten es bis zur Ehre eines Hof- oder Hoflieferantentitels: Insgesamt erhielten über die Zeit der Monarchie verteilt zwölf Firmen den Titel. Einen wichtigen Markt stellte auch die Arbeit für Offiziere dar: Es gab Uniformschneider, Uniformmützenmacher und eine ganze Reihe von Herrenausstattungsgeschäften, die ebenfalls Maßanfertigungen übernahmen. Von all diesen Firmen gibt es heute keine mehr. Was für die Schneider gilt, stimmt in etwa auch für die Schuhmacher. Während der Zeit der Monarchie wurden in München 16 Schuhmachern „k. b.“ Hof- und Hoflieferantentitel verliehen, weitere acht arbeiteten in Nürnberg, Bamberg, Würzburg, Lindau, Ludwigshafen, Sonthofen oder Berlin. Der Hoflieferantentitel war eine besondere und nur in Ausnahmefällen verliehene Ehre. Heute besteht von den damaligen Hoflieferantenfirmen nur noch Eduard Meier. Auch andere Ausstatterfirmen überstanden das 20. Jahrhundert nicht. 18 Hof- und Hoflieferantentitel gingen während der Monarchie an immerhin 13 Hutmacherfirmen. Nur die Firma „Joh. Zehme Hutmacher“, heute in der Münchner Perusastraße, hat das Hutmachersterben überstanden. Von den neun Hof- und Hoflieferantentiteln, die an Handschuhmacher verliehen wurden, erhielt den ersten 1854 noch ein traditioneller Einzelhandwerker, weitere fünf gingen an Handschuhfabriken, darunter Giganten wie Roeckl oder Holste in München, und drei an Handschuhgeschäfte, also Wiederverkäufer. Auch bei in den Handschuhfabriken wurde der Handschuh in Handarbeit hergestellt, aber mit großer Arbeitteiligkeit und fabrikmäßiger Organisation. Roeckl ist bis heute der einzige Handschuhmacher in Bayern, der den Wandel der Zeiten überstanden hat. Die Kriege und Inflationen des 20. Jahrhunderts setzten den Traditionsfirmen schwer zu. In den sechziger Jahren, als durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder die Geschäfte endlich wieder blühten, folgte dann eine Kulturrevolution des Geschmacks und der guten Sitten: Die sportliche bis legere Kleidung hielt fast überall Einzug und Kleidungstraditionen schienen gänzlich aufgelöst. Was für den Handschuh, das Schneiderkostüm oder den Schuh galt, betraf ebenso den Hut, früher für Damen wie Herren ein unverzichtbarer Teil der Kleidung. Wem es von den alten Firmen nicht gelang, in diesen Jahren das Sortiment zu erweitern, ging unter. Seit einigen Jahren besinnt sich eine reiche Gesellschaft jedoch wieder auf edle Qualität und besonderen Luxus. In den führenden Modezeitungen tauchen elegante Handschuhe auf, Hüte sind verrücktes oder verspieltes Modeaccessoire, der männliche Teil der wohlhabenden Stadtbevölkerung schwört auf Maßschuhe, und edle Taschen sind Kultobjekte. Für renommierte und qualitätsbewusste Ausstatter könnte eine neue Ära anbrechen.


Prof. Dr. Marita Krauss

ist Autorin des Buches „Königlich bayerische Hoflieferanten“,
München (Volk Verlag) Copyright 2009