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Halb so alt wie Münchens
Stadtgeschichte ist das traditionsreichste Schuhhaus Deutschlands: Die
Firma Eduard Meier feiert in diesem Jahr ihr 400jähriges Bestehen.
Fast unscheinbar liegt das Ladengeschäft in einer der Edelmeilen
der Isarmetropole, der Residenzstraße.
Wer hier kauft, kauft Qualität.
Die erfahrensten Schuhmacher lassen die Meiers - heute führen Peter
Eduard Meier und seine Schwester Brigitte das Geschäft - für
sich arbeiten. 200 Werkstätten in England, Italien, Ungarn und Österreich
liefern zu. Wie bei Rudolf Scheer & Söhne in Wien waren auch
die Vorfahren der Meiers Hoflieferanten: der Könige von Sachsen und
Bayern nämlich. Auch heute noch setzen die Maßschuhmacher auf
edles Design und Qualität, die ihren Preis haben: Der Einsteigerpreis
für Konfektionsschuhe von hoher Qualität liegt bei 200 bis 300
Mark. Ein Spitzenschuh von der Stange aus pflanzlich gegerbtem Leder kostet
700 bis 800 Mark. Geradezu meisterhaftes Schuhwerk wird nach Maß
gefertigt, für das erste Paar muß der Käufer 3000 Mark
hinlegen.

Beim Altgerberverfahren
werden Schicht für Schicht Rohhäute und zerkleinerte Eichenrinde
in die Gruben gefüllt.
Die
genaue Paßformbestimmung wird schriftlich festgehalten, der speziell
gefertigte Leisten aufbewahrt. Später darauf angefertigte Folgepaare
sind nicht mehr ganz so teuer. Die relativ hohe Anfangsinvestition macht
sich bezahlt: Sollte der stabile und haltbare Schuh tatsächlich einmal
aus dem Leim gehen, wird er „runderneuert“. Der gesamte Boden
des Schuhs läßt sich austauschen - das Oberleder bleibt dabei
erhalten. Für eine Reparatur wird der Schuh wieder auf die Originalfertigungsleisten
aufgezogen, und der Kunde erhält gegen Reparaturkosten einen quasi
neuen maßgefertigten Schuh zurück. Wer einmal einen Diamond
Loafer getragen hat, kommt wohl nicht mehr von dem edlen Schuhwerk los.
Professor Horst Cotta von der orthopädischen Universitätsklinik
Heidelberg stimmt wahre Lobeshymnen auf maßgefertigte Schuhe an.
Er erkennt in Meiers Schuhen und ihrer spezifischen Leistenform für
die Füße „eine Verbesserung der funktionellen Leistungsfähigkeit
und Belastbarkeit im Schuh“. Durchblutung und Stoffwechselvorgänge
würden gefördert. „Die Schöpfung hat dem Menschen
ein phantastisches Gebilde aus 30 Knochen zur Fortbewegung gegeben“,
sagte Leonardo da Vinci über den menschlichen Fuß. Ein kompliziertes
Gebilde, geeignet, um über Stock, Wurzel und Waldboden zu gehen,
nicht aber über Stein, Asphalt, Estrich und Beton. Jeder Schritt
des zivilisierten Menschen wirkt wie ein Hammerschlag, der nicht nur die
Füße, sondern auch die Wirbelsäule belastet.

Die Ledervorderkappe
wird zwischen Futter und Oberleder eingelegt.
Die meisten jedoch tragen Schuhe, die den Druck nicht abmildern. Der herkömmliche
Schuh zwingt die empfindlichen Zehen erbarmungslos in zu engen Raum und
trägt wenig zu einem federnden Gang bei. Deshalb hat das Schuhhaus
Meier einen eigenen Leisten entwickelt, um orthopädisch korrekte
Schuhe herstellen zu können.
Vor fünf Jahren fand man den richtigen Leisten, die asymmetrische
Peduform, die das Längsgewölbe in der natürlichen Geraden,
Ferse-Großzehe hält
und das Quergewölbe des Fußes optimal stützt. Die genaue
Paßformbestimmung hat übrigens eine lange Tradition. Großvater
Wilhelm Eduard Meier gab der jahrhundertelangen Suche nach der richtigen
Schuhform die entscheidende Richtung durch die erste europäische
Installation eines
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Fußdurchleuchtungsapparates
in den zwanziger Jahren. Heute werden Schuhe in über 70 unterschiedlichen
Weiten-Längen-Kombinationen hergestellt. Die für den jeweiligen
Fuß maßgenaue Paßform garantiert, daß der Fuß
beim Gehen auf hartem Untergrund optimal gestützt wird, indem er hinter
dem Ballen wie von einem festen Händedruck gehalten wird.
Ein Querschnitt durch das edle Schuhwerk zeigt: Schicht um Schicht entsteht
der Schuh, eine Korkplatte zwischen Brand- und Laufsohle isoliert und absorbiert.

Das sogenannte Rangieren:
Die Brandsohle wird für das Einstechen vorbereitet.

Der Schaft wird über
den Leisten gezogen und „gezwickt“.

Beim Einstechen mit der
Ört werden Rahmen, Schaft und Brandsohle vorgestochen, bevor der „Draht“
eingezogen wird.
Hier
wird der Korkausball, die Korkschicht zwischen den Sohlen, zurechtgeraspelt.

Aufdoppeln der Zwischensohle:
der Rahmen wird zweimal vernäht, die Brandsohle mit dem Schaft und
die Zwischensohle mit dem Rahmen.
Anfangs fühlen sich die Schuhe oft noch sehr hart und unbequem an,
sie passen sich erst durchs Tragen optimal an die Füße an. Aber
feste Schuhe sind gesünder - auch im Sommer. „Wenn ein gesunder
Fuß bei Hitze fest umschlossen ist, sinkt das Blut nicht so in den
Fuß,“ erklärt Peter Eduard Meier. Die Füße fangen
nicht zu brennen an, der Schuhträger fühlt sich frischer.
Die Produkte der einst königlichen Schuster werden rahmengenäht,
entweder ganz von Hand oder zum Teil auf der Goodyear-Nähmaschine.
Der Rahmen wird zweimal mit „Draht“ durch die vorgestochenen Löcher
vernäht - die Brandsohle mit dem Schaft und die Zwischensohle mit dem
Rahmen.
Beim Leder verzichtet Meier auf schädliche Chemie. Bei ihm wird nur
mit pflanzlichen Stoffen gegerbt. Das jahrhundertealte, lange Zeit in Vergessenheit
geratene Verfahren nennt sich Grubengerbung. Dahinter steckt ein 18 Monate
dauernder Prozeß, in dem sich vorbehandelte Tierhäute zu Bodenleder
verwandeln. In den mit Eichenholz ausgekleideten Gruben der Trierer Lederfabrik
Johann Rendenbach jr. werden lagenweise Häute und zerkleinerte Eichenrinde,
sogenannte Eichenlohe, eingelegt. Unter Zugabe von Wasser wird der Gerbeprozeß
und auch die Fermentierung der Rohhaut eingeleitet.
Die Pflege der edlen Stücke ist aufwendig. Nach dem Tragen müssen
die Schuhe 48 Stunden lang auf einem Spanner lagern, der immerhin soviel
kostet, wie andere Leute für ein Paar Schuhe ausgeben. Während
dieser Zeit kann der Schuh, wieder völlig austrocknen, denn der Fuß
hat im Laufe eines Tages rund 80 Gramm |
Feuchtigkeit an ihn
abgegeben. Aber auch die Brandsohle hat ihren Teil an den Fuß abgegeben:
bei Billigschuhwerk chromhaltige
Farb- und Gerbstoffe, bei pflanzlich gegerbtem Leder natürliches
Tannin.
Eduard Meier hat viele zufriedene Kunden. Der Münchner Geschäftsmann
Martin L. zum Beispiel kommt seit vielen Jahren mit nur drei Paar Geschäftsschuhen
aus - Oxford Halfbrogues. Die Rechnung geht auch ökologisch auf.
Der Schuhhersteller Karl Birkenstock hat einmal vorgerechnet, warum sich
haltbare Schuhe lohnen: „Jeder Europäer kauft im Jahr durchschnittlich
fünf Paar Schuhe, die er durchschnittlich zweieinhalb Monate trägt.“
Die abgetragenen Schuhe füllen jährlich 4000 Sattelschlepper.
Und deren Inhalt, so Birkenstock lapidar, „geht jedes Jahr auf den
Müll.“
Großen Respekt zollt Peter Eduard Meier einem anderen Vertreter
der Zunft königlicher Maßschuhmacher: dem k.u.k.-Schuhmacher
Rudolf Scheer & Söhne in Wien. Eines hat der ihm freilich voraus,
auf das Meier bislang verzichten mußte: die Verewigung in der Literatur.
Der österreichische Dauernörgler Thomas Bernhard widmete Scheer
in seinem Stück „Heldenplatz“ folgende Zeilen:
„Der Herr Professor hat sich vorige Woche / einen Tag vor dem Unglück
/ noch Schuhe anmessen lassen beim Scheer.“
Informationen:
Eduard Meier GmbH,
Residenzstraße 22,
80333 München.

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»Mit Hand und
Fuß« erschienen
im
natur - Magazin, Aprilausgabe 1996, S. 84-87
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