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sollen?« frage
ich ihn bei dieser Gelegenheit. Er lächelt. Das Geheimnis seiner
Schuhe seien die Leisten. Und der Unterschied? Er hält mir die Hand
wie zum Gruß hin, ich schlage ein. Natürlich hat er einen festen
Händedruck. »Das ist der Unterschied«, sagt er, »schauen
Sie: Ihre Mittelhand hat hier festen Halt. Rühren sie nun einmal
ihre Finger. Sehen Sie, wie frei Sie sie bewegen können? Das macht
meine Peduform mit Ihrem Fuß. Die Schuhgröße mancher
Kunden wächst dadurch, weil sich ihre Zehen nun endlich entspannen
können und nicht mehr verkrampfen müssen.«- Vier Wochen später schauen wir vom Meierschen Fenster im vierten Stock auf die raffiniert verflochtenen Reigen der Schäffler in der Residenzstraße herab, mit denen dieser Handwerkszweig seit 1517 alle sieben Jahre das Ende der verheerenden Münchener Pest nachfeiert. Ed. Meier läßt die Jahrhunderte für sich tanzen. Gegenüber erheben sich die Zinnen der alten bayerischen Königsresidenz, die nun - nach diversen Umzügen durch München im Lauf der Jahrhunderte - zu so etwas wie dem standesgemäßen Hinterhaus des ehemaligen Hoflieferanten geworden ist. Republikanisches Paradox. Und in ähnlich merkwürdiger Umkehrung der Verhältnisse scheint Peter Eduard Meier nun selbst zu einer der wenigen herzensadeligen Persönlichkeiten geworden zu sein, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte, in seinen untadeligen Umgangsformen, seinen Leidenschaften und Hobbies - Jagen, Fischen, Reiten -, seinem aristokratischen Witz, der handfesten Liebe, mit der er nach alter Gutsherrenart die Erzeugnisse der bayerischen Erde in Blick und Griff nimmt, dem strengen Regiment, mit dem er über die Fertigung seiner hochwertigen Produkte wacht, oder dem reichen Anekdoten- und Sprichwörterschatz aus dem Familienbesitz. »Gutmütigkeit ist eine Form der Liederlichkeit«, hat er vorhin daraus zitiert. Diese Weisheit hätte auch von einem seiner seligen Lieblingskunden stammen können.
Wir kamen darauf,
als wir unter den Prachtstücken verschiedener alter und neuer Modelle
neben einem Paar Stiefelchen der Josephine Baker auch einen hufeisenbewehrten
und nagelgesäumten alten Schuh in die Hand nahmen, den ihm Herzog
Albrecht vor einigen Jahren aus seinem Schuhschrank geschenkt hatte. »Schockabsorption,
was soll das heißen?« hatte der Wittelsbacher ihn damals gefragt,
als Peter Eduard Meier ihm bei dieser Gelegenheit im Gegenzug - anläßlich
seines neunzigsten Geburtstags - ein letztes Paar neuer Maßschuhe
überbrachte. »Das
heißt, daß unser neuer Absatz aus einem Material gefertigt
ist, das |
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fünfzig
Prozent der Stöße abfängt, denen Füße in einem
normalen Schuh ausgesetzt sind.« Dem Herzog hatte die Neuerung nicht
gefallen. »Das heißt dann ja wohl auch«, hatte er gegrummelt,
»daß es nur noch zu fünfzig Prozent guttut, wenn ich
jemandem in
den Hintern trete. Na, des is fei nix.« Peter Eduard Meier schüttelte
den Kopf: »Albrecht! Der König von Bayern!«
An diesem Schuhmacher kann es nicht liegen, daß wir keinen neuen Goethe haben. Seine Schuhe lassen das Pflaster unter den Sohlen zu einem besonnten Corso werden. Krokusse springen neben mir aus dem Boden. Eine erste Amsel singt in der Hecke. Alle Reflexzonen der Sohle antworten ihr mit Jubel. Barfuß durch eine betaute Kleewiese zu laufen ist eine vorkulturelle Barbarei dagegen (wenn man nicht gerade eine Kuh ist). Ach, es ist eine Lust zu leben und zu gehen. Die Platte putzengehen zu können, in die offene Welt und das neue Jahr hinein! Den Staub von den Füßen schütteln! Wo sonst, wenn nicht von diesen Schuhen, deren matter Glanz mich vom Bürgersteig her anlächelt. Denn die Kunst des Schuhputzens läßt sich heute auch nirgendwo besser als bei Ed. Meier lernen.
»O, auf der
Welt sein!« geht mir durch den Sinn, die Königszeile Franz
Werfels auf die Freiheit.
Doch
wo drückt sich diese Gottesgabe eigentlich stärker als in den
Zehen aus? Ich schaue zu den treuen Geschöpfen herab, wo sie jetzt
wie zwei treue Karrengäule von selber ihre Wege ziehen und den schaukelnden
alten Reporter nach Hause tragen. Daß sie diese Schuhe noch erleben
durften! Sie haben so etwas elegant Bananiges, sehe ich jetzt. Alte Fußballer
würden sie wohl an ihre schönsten Flanken erinnern. Und mich?
An meine schönsten Wege vielleicht? Nein, nein, es ist komisch, aber
auch bei diesen Schuhen muß ich wieder an meinen Lieblingsdichter
Dr. Walker Percy aus Louisiana denken und wie dessen Dr. Thomas More nach
einer Frühsendung im Radio durch das Morgengrauen seines Flurs ins
Bad schlurft und vor sich hin murmelt: »Ich glaube an einen guten
Tritt in den Hintern.« Denn daran glaube ich ja auch, fester als
je zuvor, einerlei ob Arsch oder Hintern, ob nach königlicher oder
nach Dichter-art. Und welche Schuhe wären wohl bessere Instrumente
für solchen Liebesdienst? Märchenhaft teuer, unverschämt
gutaussehend, kurz, die Verlängerung der Person zur Erdkruste hin.
Dafür würde es sich sogar lohnen, noch einmal ein Stück
Wegs zurück zu gehen. Soll ich wirklich? Der nächste Schritt:
ein guter Tritt? Ach was. Noch schöner ist es ja, einfach nur weiter
zu gehen. Vorwärts. |
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Daß es seit Hans Sachs in Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen den Gipfeln der Dichtkunst und denen der Schuhmacherei gibt, hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen. Und auch, daß der Niedergang in beiden Branchen wohl offensichtlich eng miteinander verknüpft ist. Denn wo ist unser neuer Goethe? Na also. Wir müssen das hier nicht weiter vertiefen. Das ist ja nur das eine. Das andere ist ein zweiter Paradigmenwechsel, der hier auch endlich einmal ins Wort gehoben werden muß: daß Kleider heute natürlich keine Leute mehr machen. Welche Designersocken sollten es denn, bitteschön, sein? Das eine oder das andere Etikettchen? Nein, nein, hier liegt der gleichnamige Schwindel zu nahe dabei. Wichtiger als die Socken sind natürlich die Schuhe: Schuhe machen heute Leute. Davon und nur davon soll die folgende Geschichte handeln, die mit Hans Sachs begonnen hat, dem seine Dichtkunst damals schon nicht zu schade war, sie auch für schnöde Werbezwecke einzusetzen, natürlich in eigener Sache: »Hereyn/ wer Stiffl und Schuh bedarff/ Die kan ich machen gut und scharff.« Hübsch, nicht wahr. Doch zwanzig Jahre nachdem der Meistersinger 1576 in Nürnberg verschied, wurde im Stadtarchiv des kleinen München erstmals die Schuhmacherei des Hans Mayr verzeichnet. Und seit genau damals läßt sich die Geschichte dieses Schuhhauses ohne Unterbrechungen bis auf den heutigen Tag zurückverfolgen. Vierhundert Jahre,
das mag anderswo - in Italien etwa - nicht viel sein. In Deutschland ist
es eine Ewigkeit. Hier vierhundert Jahre lang den Schusterhammer geschwungen
und dabei den Ruf des Familiennamens immer weiter gemehrt zu haben, das
ist in sich ein Hammer. Darüber wurden die Mayrs zuerst zu Meiers
und im letzten Jahrhundert Hoflieferanten der Könige von Sachsen
und Bayern und der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen. Konnte es
noch besser kommen? Aber ja, nur nicht für die Könige. Denn
während deren Reiche den Weg allen Fleisches gingen, bekam das kleine
Imperium Ed. Meiers immer festeren Grund unter die Füße. Mehr
noch, heute geht diese Dynastie ihrer vielleicht besten Zeit entgegen.
Das ging natürlich nicht ohne dichterische Phantasie, mit der in
diesem Haus immer wieder neu der Weg in die Zukunft gesucht wurde - besonders
seit fast nur noch Asphalt, Pflaster und Beton und nicht mehr Feldwege
und Wiesen den Tritt- und Untergrund des menschlichen Fußes abgaben.
In den zwanziger Jahren führte Wilhelm Eduard Meier ein Schuh- und
Fußdurchleuchtungsgerät in die Fertigung ein, mit dem er erstmals
die komplizierten Bewegungsabläufe des Fußes im Schuh studieren
konnte. In einer Vitrine hängt ein Dankschreiben der Kaisersgattin
Hermine aus dem holländischen Exil aus den dreißiger Jahren
- bevor alle Leisten des Hauses im Krieg verbrannten, ein unersetzlicher
Schaden. Doch nach dem Krieg wurden in der Familie die Peduform-Leisten
entwickelt, die den Feinbedingungen der rund dreißig Fußknochen
noch einmal sehr viel besser gerecht werden. |
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die bei ihm rahmengenäht
und nicht zusammengeklebt werden, muß das erwähnt werden? Nein.
Erst die Liebe zum Handwerk schafft den goldenen Boden, der im Haus Meier
sogar durch den Teppichboden hindurch leuchtet. Das Geschäft ist
eine Augenweide. Für Mann und Frau werden hier die erlesensten Konfektionsmodelle
in allen Größen in jeweils vier individuell verschiedenen Weiten
angeboten. Es ist eine Lust, sie allein in die Hand zu nehmen: die verschiedenen
Derbys, Oxfords, Bluchers, Loafers oder Boots. Und
dennoch. Hier habe ich mir keins dieser herrlichen Exemplare gekauft,
die wie angegossen passen, sondern habe mir im letzten Sommer auf meine
alten Tage ein Paar eigene Leisten fertigen lassen - der Aufklärung
des Lesers zuliebe, versteht sich! -, um danach über eben diesen
Leisten ein Paar Schuhe von Hand ziehen zu lassen. Seit zwölf Jahren
lassen die Meiers wieder solche Schuhe nach Maß fertigen, Stück
für Stück Meisterstücke, an denen sich die ganze Kunst
der Schuhmacherei zeigt. Es gibt keine Imitate zu Maßschuhen, bei
ihnen ist kein Etikettenschwindel möglich. Unter Schuhen sind sie
in etwa das, was Rennwagen in der Automobilindustrie sind: wegen des Aufwands
an Arbeitsstunden kaufmännisch fast unerheblich, aber unersetzbar
für die immer neuen Erfahrungen, die aus dieser Arbeit gewonnen werden.
Maßschuhe fangen mit dem Vermessen an. Das dauert beim ersten Mal etwa eine Stunde. Der Schuhmachermeister wird von Susanna Gobbo, die einmal Lehrerin war, assistiert. Doch in dieser Stunde knien sie in ihren weißen Kitteln als Ärzte vor einem nieder und beugen sich über die extremen Gliedmaßen wie ein Collegium der alten Anatomie von Padua, wo der Mensch verschwindet unter den Zahlen und Abmessungen, die sie einander wechelseitig zuwerfen. Ich erfahre, was ich schon immer vermutete: daß Füße ihre Tagesform haben, daß sie vor Vollmond voller sind, daß sie zu den empfindlichsten Körperteilen überhaupt zählen, und darum ganz allein das Wohlbefinden ruinieren können, kurz, daß auch Füße nur Menschen sind. Eine Woche später
kann ich den ersten Probeschuh abholen. Probeschuh? »Ja, denn erst
an dem Verhalten und den Verfaltungen dieser Probeschuhe läßt
sich der Leisten perfekt dem Fuß aupassen«, klärt mich
Frau Gobbo auf. So komme ich an einen ersten Probeschuh, danach an einen
zweiten und schließlich sogar noch an einen dritten. Für die
Leisten werden Weißbuchenklötze gekocht und mit Paraffin versiegelt
und danach vier Jahre lang sehr langsam getrocknet, bevor sie verarbeitet
werden - damit das Holz danach nicht weiter »arbeitet«. |
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