»Bitte senden Sie mir Pelzschuhe Muster No. 45«
Bei Eduard Meier reicht die Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurück / Von Fred Zeyer
»Mit den letzten gelieferten Schuhen bin ich wegen der schönen, eleganten Form als auch wegen des guten Sitzes vollauf zufrieden. Ich möchte Sie bitten, mir die kürzlich bestellten Touristen- und Gebirgsstiefel ebensogut passend anzufertigen. Seit sieben Jahren trage ich nur Ihre Schuhe und bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet.« Dieser Brief eines Kunden ging vor fast 65 Jahren bei dem Schuhgeschäft Eduard Meier in München ein. Das nach eigenen Angaben älteste deutsche Schuhhaus wurde erstmals 1596 in Münchener Archiven erwähnt. Die Vorfahren der heutigen 16. Generation der Familie Meier brachten es weit. So verlieh der bayerische Prinzregent Luitpold dem Urgroßvater des heutigen Inhabers Eduard Meier den Titel eines bayerischen Hoflieferanten. Wem eine solche Ehre zuteil wurde, der mußte nach den Vorstellungen des Herrschers dafür freilich auch etwas bezahlen; der Titel, der von nun an an der Ladentür stand und die Briefbögen zierte, hatte seinen Preis. In den alten Ordnern des Geschäftes finden sich viele Briefe von berühmten Kunden. So bedankte sich am 10. September 1928 die Kaiserin Hermine von Preußen bei Eduard Meier in einem Brief aus Haus Doorn für die »freundliche Übersendung der Silberschuhe.« Die Kaiserin bestellte im »Haus für feine Schuhwaren« gleichzeitig Pelzschuhe nach dem »Muster No. 45«. Die Kaiserin verzichtete auf eine Anprobe. Schließlich war anhand von Materialproben und Design-Büchern die Bestellung auch ohne Besuch der

bayerischen Landeshauptstadt möglich. Solche Bestellungen aus der Ferne bedeuteten für Eduard Meier keine Schwierigkeiten, denn damals hatte jeder Maßkunde, ob Prominenz oder zahlungskräftiger Bürger, bei Eduard Meier seine Leisten aus Buchenholz. Immerhin umfaßte das Leistenlager etwa 10 000 Paare. Jedem Maßkunden wurde garantiert, daß sein Leisten auch noch dreißig Jahre nach seiner letzten Bestellung aufbewahrt würden. Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der linke und der rechte Schuh über denselben Leisten gearbeitet. Erst danach setzten sich paarige Leisten durch. Doch höchsten Ansprüchen an die Paßform konnte erst Ende des vergangenen Jahrhunderts entsprochen werden. Im Laufe der Zeit nahm auch Eduard Meier Konfektionsschuhe in sein Sortiment auf. Seitdem sind die Maßkabinen aus dem Geschäft verschwunden. In diesen hatten früher manche Kunden auf einem durch zwei Stufen erreichbaren, etwa einen halben Meter hohen Podest zum Maßnehmen oder zur Anprobe Platz genommen. Der Verzicht auf die ausschließliche Fertigung von Maßschuhen hat nichts daran geändert, daß bei Eduard Meier auch heute noch der Kunde individuell behandelt wird. Zwar wird in den beiden Münchener Geschäften, in denen fünfundzwanzig Angestellte tätig sind, der weitaus größte Teil des Umsatzes mit Konfektionsware erzielt. Doch nimmt Eduard Meier für sich in Anspruch, in der Bundesrepublik eines der umfangreichsten Sortimente von rahmengenähten Schuhen, die der Qualität von
Maßschuhen nicht nachstehen sollen, anzubieten. Dies führte dazu, daß der Umsatzanteil der Herrenschuhe mit etwa der Hälfte des Umsatzes einen für die Branche außergewöhnlich hohen Anteil erreicht hat. Entsprach früher der Preis für Maßschuhe etwa dem Monatssalär eines Kanzleiangestellten, so hat sich das bis heute verändert. Hochwertiges Schuhwerk kostet bis zu 1000 DM und damit bis zu zehnmal mehr als ein industriell gefertigtes Paar Schuhe. So kann es nicht verwundern, wenn bestimmte hochpreisige Schuhmarken bereits zum Statussymbol geworden sind. Hochwertiges Schuhwerk wird heute vor allem in England und in den Vereinigten Staaten hergestellt. Das Münchner Schuhgeschäft führt aber auch Produkte ungarischer Hersteller. Eduard Meier ist stolz darauf, daß nach wie vor ein großer Kreis seiner Kunden bei handgefertigtem Schuhwerk sehr hohe Ansprüche an die Paßform und Haltbarkeit stellt. Dies kann auch nicht überraschen, denn die durchschnittliche Lebensdauer eines »Spitzenproduktes« übersteigt nicht selten die von Konfektionsschuhen um fünfzehn Jahre. Wen wundert es da, daß die Kunden wegen langer Lieferfristen aufgrund der großen Nachfrage bereitwillig Monate auf ein Paar handgearbeitete Schuhe aus England oder Amerika warten. Obwohl das traditionsreiche Schuhhaus mit seiner Umsatzentwicklung zufrieden ist, soll das Sortiment hochwertiger handgefertigter Schuhe erweitert werden. Dabei sei es gar nicht so einfach, neue Lieferanten zu finden, sagt der
sechzigjährige Eduard Meier. Und so wird noch manche Reise seiner seit langem recht selbständig im Geschäft tätigen Kinder Brigitte und Peter nach England oder Ungarn vonnöten sein. Sie sind es auch, die neue Ideen verwirklichen. Zu hochwertigen Schuhen aus englischem Pferdeleder passend bieten sie zum Beispiel exklusive Ledertaschen sowie strapazierfähige Wind- und Wetterjacken an. Prominenz kauft auch heute noch bei Eduard Meier ein. So wie die Herrscher von einst zumeist die Dienste des Hauses lange Jahre in Anspruch nahmen, betritt auch der amtierende Ministerpräsident des Freistaates Bayern von Zeit zu Zeit das Geschäft vis-à-vis der Staatsoper. Auf besonders großem Fuß lebe der Landesvater nicht, verrät Eduard Meier. Ob er diese Angabe allerdings im Vergleich mit anderen großen Staatsmännern gemacht hat, ist nicht zu erfahren. De Gaulle brachte es dem Vernehmen nach immerhin auf Größe 52.



(FAZ / Wirtschaft / 24. April 1984 / Seite 15)

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