»Die Lederkugel der Wahrsagerin.«
Gut poliert und glänzend präsentiert - was Schuhe über ihre Täger verraten. zurück


Von Peter Eduard Meier

Schon am Anfang des Schuhs stand nicht das profane Bedürfnis den Fuß zu schützen, sondern mit der Bekleidung des Fußes den göttlichen Stand auszudrücken. In Ägypten trugen nur Götter Schuhe. Über die Jahrhunderte kam es aber zur Verweltlichung des Schuhwerks, was die Römer dazu trieb sehr genaue Regeln aufzustellen welche Schuhfarbe oder Riemenlänge dem Plebejer gestattet war. Während dem fürstlichen Ritter eine Verlängerung seiner Füße um zweieinhalb Schuch vorbehalten war, genehmigte Eduard IV. immerhin dem Gewöhnlichen einen Schnabelschuh mit halb-fuß-langer Spitze. Diese Exzesse der Eitelkeit beförderte den banalen bäuerlichen Bundschuh zum Feldzeichen der Bauernaufstände. Es ist von der Schlacht von 1368 zwischen Österreichischen Rittern und Schweizer Bauern berichtet. Die Ritter ergriffen die Flucht und schlugen sich mit den Schwertern die überlangen Spitzen der Panzerschuhe ab um schneller laufen zu können - zwei Streiche statt drei Streifen. Die abgeschlagenen Schuhspitzen füllten einen Ochsenkarren. Der Kampf um und mit dem Schuh fand über die Jahrhunderte seine Varianten. Sprechen wir vom jetzt und dem Männerschuh. Eine französische Schuhmacherin, die mit Schuhputzsessions und Champagner als Polierkatalisator auf sich aufmerksam macht, behauptet sie hätte das

Mördermodell, das für den Romantiker, den Mutigen, den Krieger. Nicht nur Maigret muß sich deshalb für Schuhe interessieren. Es sind Personalchefs, Hotelportiers oder Türsteher, welche das subtile Signal des Schuhwerks als eines der ehrlichsten Zeugnisse der Persönlichkeit für Entscheidungen zuhilfe nehmen. An der Schwelle des global village kann jeder Mann - ungeachtet von Klasse, Rasse und Kultur - jeden Schuh tragen. Natürlich gibt es Regeln - ungeschriebene Gesetze des guten Stils. Diese sind nicht eine Frage woher man kommt, sondern wer man ist und was man will. Der korrekte Schuh - modisches Geplänkel schließt sich hier von vornherein aus - ist ein Klassiker. Er sieht nicht nur klassisch aus, er ist auch so gefertigt. Er ist ein Rahmengenähter. Die Farbe muß stimmen und der Zustand. Amerikanische Volkswirtschaftler beobachten den Schuhcremeindex - nicht die Liste der schlechtestenn Pflegemittel, sondern der erkannte Zusammenhang zwischen der Umsatzentwicklung der Schuhcremehersteller und der gegenläufigen Konjunktur. In Zeiten sich abzeichnender wirtschaftlicher Flaute müssen Schuhe besonders gut geputzt werden. Mehr als der sorgfältige Erhalt der teuren Schuhe, treibt die Angst vor dem schlechten Eindruck, den ungeputzte Schuhe auf Mitmenschen, Kunden und Vorgesetzte machen, zur Pflicht. Was ist die Kür?
Sie ist der glasartige Glanz der Wasserpolitur der den Schuh adelt. Erst dieser Glanz der das schon brüchige jahrzehnte alte Kalbleder zur Kugel der Wahrsagerin macht. Der dabei erzielte Glanz verrät den Respekt vor der lederstiftenden Kreatur, vor der Kunst des Schuhmachers und vor der Mitmenschheit. Zutage tritt die Freude an der eigenen Tat. Und dabei ist oft auch der Weg das Ziel. Die Gemahlin eines berühmten Dirigenten verriet mir, sie würde sich die Anspannung nach einem Auftritt durch Schuheputzen vertreiben. Schuheputzen ist nicht nur Zweck sondern Selbstzweck. Wer selbst das Ritual der Politur mit Terpentin-Wachs-Paste und Wasser über Stunden geübt hat, weiß um die Meditationstechnik des Zen, des Put-Zen. Vor allem aber ist ein handgemachter opalisierend glänzender Schuh eine Vorstellung, ein Akt der Alltagskultur. Der Vorhang öffnet sich dafür auch in der U-Bahn. Für alle die im Stück mitspielen wollen, sei der Schuhputz- und Stilratgeber auf www.EduardMeier.de empfohlen. Jeder kann sich dabei Probieren. Dabei bleiben nur die Echten. Der Autor rät dem entsetzten Hauspersonal - die ruhigen Zeiten haben mit diesem Artikel geendet - freuen Sie sich beim Schuheputzen - sicher wird Ihnen bald die Ziegenhaarbürste aus der Hand gerissen.



(FAZ / Modebeilage / 26. September 2000 / Seite B2)

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